f/1.4, f/2.8, f/4 – diese Zahlen entscheiden, wie viel Licht durch dein Objektiv kommt. Sie entscheiden auch, wie viel Bokeh du bekommst, wie schwer das Objektiv wird und wie tief du in die Tasche greifen musst. Hier erkläre ich dir, warum eine kleine Zahl auf dem Objektiv oft einen wahnsinnig großen Unterschied macht.
Wenn du Objektive vergleichst, fällt dir die Lichtstärke direkt ins Auge. Auf dem Tubus steht zum Beispiel „50 mm 1:1.8″ oder „24-70 mm 1:2.8″. Die Zahl hinter dem Doppelpunkt ist die Anfangs- oder Offenblende. Sie sagt dir, wie weit sich die Blende maximal öffnen lässt. Je kleiner die Zahl, desto offener die Blende, desto mehr Licht erreicht den Sensor. Und genau das verändert dein Fotografieren wirklich stark.
Warum kleine Zahlen viel Licht bedeuten
Der Blendenwert ist eigentlich ein Bruch. f/2 steht für die Brennweite (f) geteilt durch 2. Bei einem 50 mm Objektiv hat die Blendenöffnung also einen Durchmesser von 25 mm. Bei f/4 nur noch 12,5 mm. Klingt sperrig, ist aber der Grund, warum die Zahlen verkehrt herum wirken: kleine Zahl, große Öffnung.
Und das hat Folgen. Eine Verdopplung der Lichtmenge bedeutet immer eine ganze Blendenstufe. Die Standard-Stufen lauten: f/1.4, f/2, f/2.8, f/4, f/5.6, f/8, f/11, f/16. Von f/2.8 auf f/2 verdoppelt sich die Lichtmenge. Von f/2.8 auf f/1.4 vervierfacht sie sich. Das ist reine Physik und gilt bei jedem Objektiv gleich.
Konkret im Alltag: Mit einem f/1.4 Objektiv kannst du dort noch entspannt aus der Hand fotografieren, wo ein f/4 Objektiv dich zwingen würde, den ISO-Wert hochzudrehen oder zu verwackeln. Vier mal mehr Licht ist auf jeden Fall ein echter Unterschied, gerade abends, in Innenräumen, in Kirchen, auf Konzerten.
Wie sich Lichtstärke auf das Bild auswirkt
Mehr Licht: Du kannst kürzere Belichtungszeiten wählen und Bewegung einfrieren. Oder den ISO-Wert niedrig halten, was weniger Bildrauschen bedeutet. Bei wenig Umgebungslicht ist das oft der Unterschied zwischen einem brauchbaren Foto und einem matschigen.
Geringere Schärfentiefe: Bei offener Blende ist nur ein schmaler Bereich scharf. Das nennt man Freistellung. Bei einem Porträt mit f/1.8 ist vielleicht nur das Auge scharf, der Rest verschwimmt im weichen Hintergrund. Genau das ist Bokeh, der weichgezeichnete Hintergrund, der Porträts so attraktiv macht. Bei f/8 oder f/11 wäre fast alles scharf, der Hintergrund würde stören.
Bokeh-Qualität: Lichtstärke ist die Voraussetzung für schönes Bokeh, aber nicht das einzige Kriterium. Die Anzahl und Form der Blendenlamellen entscheidet, wie die unscharfen Lichtpunkte aussehen. Bei voller Offenblende ist die Lamellenform praktisch egal, weil die Blende komplett geöffnet ist. Sobald du aber abblendest, wird die Form sichtbar: Neun abgerundete Lamellen ergeben fast kreisrunde Bokeh-Bälle, sieben gerade Lamellen dagegen sichtbare Siebenecke. Deshalb werben Hersteller bei guten Porträt-Objektiven gern mit elf abgerundeten Lamellen, das sieht man im Bild tatsächlich.
Was Lichtstärke kostet
Lichtstärke ist nicht umsonst. Ein 50 mm f/1.8 bekommst du neu für rund 200 Euro, gebraucht oft unter 100 Euro. Das gleiche 50 mm in f/1.4 kostet je nach Hersteller schon 1.500 Euro (Sony GM, Canon VCM). Und ein 50 mm f/1.2 von Canon liegt bei 2.600 Euro, Sony ruft sogar 1.800 bis 2.300 Euro auf. Pro Blendenstufe wirst du den Preis grob verfünffachen, das ist leider keine Übertreibung.
Aber nicht nur der Preis steigt. Lichtstarke Objektive sind größer und schwerer, weil größere Linsen verbaut werden müssen. Ein modernes 70-200 mm f/2.8 wiegt um die 1.050 Gramm (Sony GM II), die f/4 Variante kommt mit knapp 700 Gramm aus. Über einen ganzen Tag merkst du das deutlich.
Auch das Zubehör wird teurer. Filter musst du nach Frontlinsen-Durchmesser kaufen. Ein 82 mm Polfilter (typisch für ein 24-70 f/2.8) kostet das doppelte eines 77 mm Filters (typisch für eine 24-105 f/4 Variante). Wer mehrere lichtstarke Objektive hat und entsprechende Filter dazu, gibt für die Filter mehrere Hundert Euro aus.
Dazu kommt ein technischer Haken: Bei voller Offenblende sind selbst gute Objektive nicht so scharf wie eine oder zwei Stufen abgeblendet. Die Bildränder vignettieren oft, werden also dunkler als die Mitte. Ein paar Klicks Korrektur in Lightroom holen das raus, wissen solltest du es trotzdem.
Welche Lichtstärke brauchst du wirklich?
Ehrliche Antwort: Es kommt drauf an, was du fotografierst. Ich gehe die vier Standard-Szenarien einmal durch.
Festbrennweiten mit f/1.8 sind das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, das du in der Fotografie bekommen kannst. 35 mm f/1.8, 50 mm f/1.8 oder 85 mm f/1.8 sind eigentlich für alles tauglich, was wenig Licht hat: Porträt, Reportage, Konzert, Hochzeit, Innenräume. Sie kosten meist zwischen 200 und 500 Euro und wiegen wahnsinnig wenig. Wenn du gerade anfängst und ein lichtstarkes Objektiv willst, ist eine 50 mm f/1.8 Festbrennweite mein Standard-Tipp.
Pro-Zooms mit f/2.8 wie das 24-70 mm f/2.8 oder 70-200 mm f/2.8 sind die Arbeitstiere für Hochzeit, Reportage und Sport. Konstante Lichtstärke über den ganzen Brennweitenbereich, robust, mit zuverlässigem Autofokus. Aber teuer (1.500 bis 2.700 Euro) und schwer. Drittanbieter wie Sigma (24-70 DG DN II für rund 1.330 Euro) liefern hier wirklich gutes Preis-Leistungs-Verhältnis.
Hobby-Zooms mit f/4 wie das 24-105 mm f/4 IS USM sind der vernünftige Kompromiss. Etwas leichter, etwas günstiger, etwas weniger Licht. Für Reise, Familie und Alltag ist eine Blendenstufe weniger meistens kein Problem, weil moderne Kameras mit hohem ISO wirklich gut umgehen können. Für Hochzeit oder Konzerte würde ich allerdings zur f/2.8 Variante greifen.
Variable Lichtstärke wie bei „18-55 mm f/3.5-5.6″ Kit-Objektiven bedeutet, dass die Lichtstärke je nach Brennweite anders ist. Bei 18 mm hast du f/3.5, beim Reinzoomen auf 55 mm nur noch f/5.6. Das ist ein Kompromiss, der die Objektive günstig und kompakt macht, bei wenig Licht aber leider ärgerlich wird. Wenn dein Budget es zulässt, würde ich irgendwann auf konstante Lichtstärke umsteigen.
Mein Tipp aus der Praxis
Ich habe selbst lange mit einem 50 mm f/1.8 gestartet und kann es bis heute nur empfehlen. Für rund 200 Euro neu (oder ein gutes gebrauchtes für 100 Euro) bekommst du ein Objektiv, mit dem du sofort merkst, was Freistellung und Bokeh wirklich bedeuten. Du lernst, mit der Schärfentiefe zu arbeiten. Du fotografierst in Lichtsituationen, in denen ein Kit-Zoom passen muss.
Wenn dir das Tor zur lichtstarken Fotografie aufgegangen ist, kannst du dich gezielt entscheiden, was als nächstes kommt. Ein lichtstarkes Standardzoom für Vielseitigkeit, eine zweite Festbrennweite für deine Lieblings-Brennweite, oder ein lichtstarkes Tele für Sport und Porträt. Aber bitte nicht alles auf einmal kaufen, das kostet ein Vermögen und du nutzt es eh nicht.
Was du aus diesem Post mitnimmst
| Kleine Blendenzahl, große Öffnung | f/1.4 lässt vier mal so viel Licht durch wie f/2.8. |
| Eine Blendenstufe verdoppelt die Lichtmenge | Standard-Reihe: f/1.4, f/2, f/2.8, f/4, f/5.6, f/8, f/11, f/16. |
| Lichtstärke ist die Voraussetzung für Bokeh | Offene Blende = geringe Schärfentiefe = weicher Hintergrund. |
| Lichtstärke kostet Geld, Größe, Gewicht | Pro Blendenstufe verdoppelt sich oft der Preis. |
| 50 mm f/1.8 ist die beste Einstiegs-Empfehlung | Rund 200 Euro neu, lichtstark, kompakt, lehrreich. |
Jetzt weißt du, was die kleinen Zahlen auf deinem Objektiv bedeuten und worauf du beim Kauf wirklich achten solltest. Im nächsten Beitrag schauen wir uns den Bildstabilisator an: das Stück Technik, das dir hilft, auch ohne maximale Lichtstärke scharfe Fotos aus der Hand zu bekommen.
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