Es gibt Lost Places, die man wochenlang recherchiert, plant und dann irgendwo im Nirgendwo aufspürt. Und dann gibt es diesen einen, in dem ich als Kind selbst die Rutsche runtergesaust bin. Auf einer Radtour über Ameland biege ich hinter Nes um eine Ecke, und plötzlich stehe ich wieder vor dem alten Aqua Plaza. Dem tropischen Spaßbad meiner Sommerferien, das heute nur noch eine abgesperrte Ruine ist und dessen zwei große Kuppeln so langsam in sich zusammensacken.
Angefangen hat der Tag ganz harmlos. Wir leihen uns Räder, fahren ohne großen Plan über die Insel, immer der Nase nach. Das Wetter ist wahnsinnig schön, blauer Himmel, ein paar dicke Wolken, dazu dieser typische Nordseewind, der einem ständig ins Gesicht drückt. Hinter Nes führt der Weg zwischen Dünen, Wiesen und kleinen Wasserflächen entlang. Und dann taucht sie über den Bäumen auf. Diese komische, runde Kuppel, halb Iglu, halb Ufo, die ich sofort wiedererkenne. Daneben der gelbe Turm mit der Wasserrutsche, die sich einmal komplett um ihn herumwickelt. Ich bremse, steige ab und bin in dem Moment wieder acht Jahre alt.
Meine Eltern sind früher oft mit uns nach Ameland gefahren, und wenn das Wetter mal nicht mitspielte, ging es hierher. Ich weiß noch, wie warm und stickig die Luft unter der Kuppel war, dieser typische Hallenbadgeruch aus Chlor und Pommes. Ich erinnere mich an das Gluckern in der Röhre, an das Kribbeln oben am Start und an dieses kurze Zögern, bevor es endlich losging. Stundenlang sind wir die Rutsche hoch und runter, bis die Finger schrumpelig waren und die Augen vom Chlor brannten. Von all dem ist heute nichts mehr übrig.
Näher als bis zum Zaun komme ich leider nicht.
Das gesamte Gelände ist weiträumig abgesperrt. Zaun, Bauzäune, Verbotsschilder, mittlerweile sogar Kameras und Sicherheitsleute, die aufpassen, dass niemand über die Absperrung klettert. Reingehen ist keine Option, und ehrlich gesagt will man das auch gar nicht. Das Dach der großen Halle ist an mehreren Stellen komplett aufgerissen, ganze Bahnen der Verkleidung hängen nur noch lose in der Luft und wirken, als könnten sie beim nächsten Sturm herunterkommen. Die Fenster im kleinen Turmhäuschen sind längst alle eingeschlagen. Ich bleibe also brav im hohen Gras stehen, packe die Kamera aus und lasse den Ort für sich sprechen.
Wie kommt ein subtropisches Paradies mitten in die Dünen einer Nordseeinsel?
Die Geschichte fängt in den 80ern an. Im Mai 1988 eröffnet an der Molenweg in Nes ein subtropisches Schwimmparadies unter dem Namen Tropica Ambla. Für eine kleine Insel wie Ameland ist das eine echte Nummer. 8,7 Millionen Gulden hat der Bau gekostet, umgerechnet über vier Millionen Euro. Unter den beiden markanten Kuppeln, deren Dachkonstruktion damals als etwas ganz Besonderes galt, gibt es alles, was das Herz eines Kindes höher schlagen lässt. Ein Wellenbad, einen Wildwasserkanal, ein paar Whirlpools und mittendrin diese 120 Meter lange Wasserrutsche, die sich um den Turm windet.
Am Anfang läuft es richtig gut. Die Leute strömen in Scharen, schon im Juni 1989 wird der hunderttausendste Gast begrüßt. Für ein Bad auf einer Insel mit ein paar tausend Einwohnern ist das eine wahnsinnige Zahl. Wer damals auf Ameland Urlaub gemacht hat, kam an dem Bad eigentlich nicht vorbei.
Und dann ging es langsam bergab.
So richtig rund lief es nämlich nur in den ersten Jahren. Das Bad wechselt mehrmals den Besitzer. Mal wird es für eine Million Gulden verkauft, mal steht es kurz still, 1996 macht ein neuer Betreiber es unter dem Namen Aqua Plaza wieder auf. Irgendwann dreht jemand kräftig an den Eintrittspreisen, und plötzlich bleiben die Gäste weg. 2002 ist dann endgültig Schluss, das Bad meldet Insolvenz an. 2005 folgt die Zwangsversteigerung, die Bank will fast eine Million Euro sehen. Seitdem steht das Gebäude leer und verrottet, mittlerweile seit über zwanzig Jahren.
Ganz ohne Leben blieb die Ruine in all den Jahren trotzdem nicht. 2008 verwandeln Künstler das leere Becken während des Amelander Kunstmonats in eine surreale Kulisse, unter anderem mit Stühlen, denen die Beine abgesägt wurden, um die Angst vor dem Meer spürbar zu machen. 2010 wird für kurze Zeit sogar Paintball zwischen den Kuppeln gespielt. Und dann kommt das Thermalwasser ins Spiel. Schon bei Probebohrungen Ende der 90er hatte man in 837 Metern Tiefe warmes Wasser gefunden. Damit war die alte Ruine auf einmal wieder richtig interessant.
Bleibt noch der Schriftzug am Turm.
Wer genau hinschaut, entdeckt am gelben Rutschenturm mit dicken Buchstaben den Namen HARRY. Und auf dem Dach der großen Halle prangt in riesigen Lettern das Wort Geldwolf. Beides gehört zusammen und erzählt die vielleicht traurigste Episode dieses Ortes. Ein Unternehmer namens Harry Westers kaufte das Gelände und wollte daraus mithilfe des Thermalwassers ein großes Wellness-Resort machen. Am Ende passierte nichts. 2017 zog die Gemeinde die Reißleine, weil ihr die geplanten Hotelzimmer schlicht zu viele waren. Die Wut über das ganze Hin und Her hat sich seitdem in genau diesen beiden Schriftzügen verewigt.
Die Gemeinde ist das Ganze inzwischen einfach nur leid. Eine Anwohnerin bringt es auf den Punkt und sagt, das Gebäude sei bis auf den Grund durchgerottet und lebensgefährlich. In den letzten fünf Jahren gab es rund 200 Meldungen wegen Vandalismus, eingeschlagener Zäune und Leuten, die ungefragt über das Gelände spazieren. Dazu ist an mehreren Stellen Asbest verbaut. Im Sommer 2025 hat die Gemeinde dem heutigen Eigentümer, einem großen Projektentwickler, deshalb ein saftiges Zwangsgeld angedroht. 100.000 Euro, wenn nicht endlich abgerissen oder wenigstens richtig abgesichert wird. Ein Hotel mit Wellnessbereich soll hier irgendwann doch noch entstehen, aber das steckt gerade in juristischem Gezerre, das sich noch Jahre ziehen kann.
Ich stehe eine ganze Weile einfach nur da und schaue. Vor mir diese verfallenen Kuppeln, das aufgerissene Dach, der stumme Turm. Und im Kopf gleichzeitig das warme, blaue Wasser von damals, das Kreischen, das Platschen, der Geruch nach Chlor. Es ist ein komisches Gefühl, einen Ort so zu sehen, an dem man als Kind unbeschwert war. Irgendwann wird auch die letzte Kuppel verschwinden, und dann bleibt von Tropica Ambla nur noch das, was ein paar von uns im Kopf behalten haben. Manchmal findet man einen Lost Place eben nicht durch Recherche, sondern einfach durch die eigene Kindheit.
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