Ein verlassenes Porzellanwerk in Sachsen-Anhalt. Hunderte Gussformen in den Regalen, Berge aus unglasiertem Porzellan auf dem Boden und Maschinen, die aussehen, als hätte jemand einfach den Stecker gezogen und ist gegangen.
Es ist ein grauer Apriltag, bewölkt, kühl, eigentlich das perfekte Wetter für so einen Ort. Das diffuse Licht kriecht durch die Oberlichter der Produktionshallen und legt sich wie ein Filter über alles.
Das Porzellanwerk Annaburg – Teil 1: Die Produktion
Ich schiebe mich durch eine der blauen Stahltüren, deren Farbe in großen Placken abblättert, und stehe in der ersten Produktionshalle. Es riecht nach feuchtem Gips und kaltem Staub, ein Geruch, den man von keinem anderen Lost Place kennt. Porzellanstaub hat was Eigenes. In den Regalen hinter der Tür stapeln sich weiße Gussformen, dicht an dicht, Reihe für Reihe. Tassen, Schalen, Deckel, alles fein säuberlich sortiert, als käme gleich die nächste Schicht. Kommt sie aber nicht.
Ein paar Meter weiter steht eine grüne Drehmaschine, auf der sich Keramik-Teller stapeln. Die Maschine ist wahnsinnig massiv, so ein typisches Industrieding aus einer Zeit, in der man Sachen noch für die Ewigkeit gebaut hat. Auf dem Drehteller liegt Staub, auf den Tellern liegt Staub, auf allem liegt Staub. Ich gehe weiter durch die Halle und komme an einer Spritzstation vorbei. Die Rückwand ist rosa, ein fast schon absurder Farbfleck in dieser grauen Industriekulisse. Darüber eine Absauganlage, die den Sprühnebel abziehen sollte. Hat sie bestimmt auch mal, irgendwann.
Die nächste Halle ist riesig. Hohe Decken, Oberlichter, große Industriefenster, durch die das trübe Tageslicht fällt. In der Mitte führt eine Rampe nach oben, links und rechts wieder diese blauen Türen. Alles leer, alles still. Meine Schritte hallen auf dem Betonboden. Ich bin allein hier, und das merkt man. In einer Ecke stehen Trockengestelle aus Holz, einfache Holzkreuze, auf denen das frisch geformte Porzellan zum Trocknen lag. Ein paar Reststücke hängen noch daran, als hätte jemand vergessen, sie abzunehmen.
Dann komme ich in den Raum, der mich an diesem Tag am meisten flasht. Ein ganzer Haufen aus unglasiertem Porzellan liegt auf dem Boden. Kannen, Deckel, Tassen, einfach so hingeschüttet. Weißes Porzellan auf grauem Beton, das hat was. Ich mache bestimmt zwanzig Bilder, weil ich den Winkel nicht hinkriege, den ich will. Am Ende kriege ich ihn doch. Allerdings erst, nachdem ich mich einmal komplett um den Haufen herumgearbeitet habe.
Weiter hinten wird es dunkler. Eine Halle, in der sich Gussformen vor einem großen Rundbogenfenster stapeln. Das Gegenlicht zeichnet die Silhouetten der Formen nach, und für einen Moment sieht das einfach richtig gut aus. In einem Nebenraum liegen Porzellanscherben unter drei Rundbogenfenstern, der Boden ist komplett bedeckt. Man tritt auf Scherben, egal wo man hinläuft. Das Knirschen unter den Sohlen ist das einzige Geräusch.
An einer Wand finde ich die Ofensteuerung. Eine grüne Schalttafel mit Messgeräten, Drehreglern und bunten Knöpfen, rot, gelb, grün, wie eine Ampelsammlung. Die Geräte zeigen alle auf Null. An den Hallenwänden verlaufen alte Rohrleitungen, teilweise verrostet, teilweise noch blank. Rote Steckdosen an weißen Wänden. Details, die man erst auf den zweiten Blick sieht.
Die Geschichte des Porzellanwerks – Von der Scherbelbude zur Weltfabrik
1874 gründete der Keramiker Böttcher hier eine kleine Fabrik. Handarbeit, zwei Rundöfen, große Pläne. Die Realität sah anders aus: Schon 1877 war Konkurs, zwei Jahre später noch einer. Die Leute nannten den Laden nur noch “Scherbelbude”. Nicht gerade schmeichelhaft.
1883 übernahm Adolf Heckmann die Bude mit gerade mal zehn Arbeitern und gründete die “Annaburger Steingutfabrik”. Und der Mann meinte es ernst. Er schaffte eine Dampfmaschine an, baute Arbeiterwohnungen, installierte elektrische Beleuchtung, für die damalige Zeit war das richtig fortschrittlich. 1891 hatte die Fabrik bereits 325 Beschäftigte und sogar eine eigene Betriebsfeuerwehr. 1895 wurde der Laden für 1,5 Millionen Reichsmark verkauft und in eine AG umgewandelt. Aus der Scherbelbude war ein richtiges Unternehmen geworden.
1903 brachte der Porzellanmaler Emil Sauerbrei die Spritztechnik in die Fabrik, im Grunde eine frühe Form von Airbrush. Damit entstanden die typischen Spritzdekor-Muster, die man heute auf Flohmärkten als Art Deco verkauft. Der eigentliche Knaller kam aber 1909: Annaburg baute einen Tunnelofen nach dem Faugeron-Verfahren. Weltweit der erste seiner Art. In den 1920er Jahren lief der Laden auf Hochtouren, über 600 Mitarbeiter produzierten Küchengeschirr, Waschgarnituren, Vasen und Lampenfüße. Hochkonjunktur.
Was danach kam, erzähle ich in Teil 2.
Das Porzellanwerk Annaburg
Dies ist Teil 1 der Serie. Lies auch Teil 2: Die Menschen und Teil 3: Der Verfall.
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