Teil 2 meiner Erkundung durch das Porzellanwerk Annaburg. Diesmal geht es nicht um Maschinen und Produktionshallen, sondern um die Menschen, die hier gearbeitet haben. Um Schreibtische, Pinnwände, Bierflaschen und Dokumente, die Geschichten erzählen, ohne dass jemand da ist, der sie noch erzählen könnte.
Der bewölkte Himmel drückt graues Licht durch die Fenster. Es ist still hier oben in den Büroetagen, ganz anders als unten in den Produktionshallen. Kein Hall, kein Tropfen. Nur Staub, der sich auf alles gelegt hat wie eine Staubschicht, die niemand mehr wegwischt.
Das Porzellanwerk Annaburg, Teil 2: Die Menschen
Ich stehe in einem Büro und schaue auf einen Schreibtisch, der aussieht, als hätte jemand einfach Feierabend gemacht und nie wiedergekommen ist. Ein DDR-Telefon mit Wählscheibe steht neben einer alten Rechenmaschine, daneben ein paar Papiere. Am Fenster fällt trübes Licht auf die Tastatur der Rechenmaschine. Die Tasten sind vergilbt, aber man kann noch jede Zahl lesen. Ich drücke eine runter. Sie klemmt.
An der Wand hängt eine VEB-Hausmitteilung, der blaue Stempel ist immer noch gut zu erkennen. Bestellscheine, Anweisungen, der ganz normale Wahnsinn einer Planwirtschaft, festgetackert an einer Pinnwand. Daneben Zeitungsausschnitte und alte Fotos, teilweise zerrissen. Ein Bild von einem Nashorn ist dabei, keine Ahnung warum. Solche Details machen Lost Places für mich wahnsinnig spannend. Dinge, die keinen Sinn ergeben, die aber trotzdem jemand wichtig genug fand, um sie aufzuhängen.
Der nächste Raum überrascht mich. Ein Diaprojektor steht auf einem Tisch neben einer Vitrine voller Porzellanteller. Wahrscheinlich hat hier jemand Dia-Vorträge gehalten, die neuen Dekore vorgestellt oder Schulungen gemacht. Ich stelle mir vor, wie ein paar Kollegen in diesem Raum saßen, der Projektor ratterte und jemand erklärte, welches Dekor im nächsten Quartal produziert wird. Jetzt steht hier nur noch Stille.
Hinter einer schweren Tür: Regale voller Dokumente, Schablonen und Druckvorlagen. Auf einem Tisch liegt ein Hauptbuch aufgeschlagen, handgeschriebene Zahlenkolonnen, Seite um Seite. Jemand hat hier Stunden gesessen und Zahlen eingetragen, mit Lineal und Füller. Es riecht nach altem Papier und feuchtem Holz, dieser typische Archiv-Geruch, den man sofort wiedererkennt. Ich blättere vorsichtig eine Seite um. Die Tinte ist stellenweise verlaufen, aber die Handschrift ist ordentlich, fast schön.
Auf einer Fensterbank stehen Bierflaschen. Dessator Spezial-Pilsener und Berliner Bürgerbräu. Ein paar Schuhe stehen daneben, ein Filmstreifen liegt zusammengerollt dazwischen. In den gefliesten Sanitärräumen hängt ein Pinnup-Poster an der Wand, die Ecken eingerollt. An einem verwachsenen Fenster steht eine alte Kanne voller Werkzeug, Efeu rankt sich durch den Rahmen. In einem anderen Raum finde ich eine Verpackung von VEB Carl Zeiss Jena, ein Fernglas war da wohl mal drin. Solche Fundstücke tauchen hier einfach überall auf, in jeder Ecke liegt ein kleines Stück DDR-Alltag.
Vor einem offenen Schaltkasten steht ein einsamer Stuhl. Sicherungen, Kabel, alles noch dran. Als hätte jemand hier gesessen und gewartet, dass irgendwas wieder anspringt. Tut es natürlich nicht mehr.
Die Geschichte, Vom Volkseigentum zum Exportschlager
Nach dem Krieg beginnen 1945 etwa 40 Mitarbeiter mit dem Wiederaufbau der Fabrik. Drei Jahre später wird das Werk enteignet und in Volkseigentum überführt, zu diesem Zeitpunkt arbeiten hier bereits 350 Menschen. Der VEB-Name ändert sich über die Jahrzehnte mehrfach: von “Industrie-Werk Annaburger Steingutfabrik” über “VEB Annaburg Porzellan” bis hin zu “VEB Vereinigte Porzellanwerke Colditz, Werk Annaburg” ab 1980. Namen kommen und gehen, die Arbeit bleibt.
1956 sind es 456 Mitarbeiter, in den Sechzigern wird modernisiert, ein neuer Tunnelofen gebaut. Ende der Sechziger führt man “Sintolan” ein, ein Halbporzellan aus Hartkeramik. 1970 wird das Werk Teil des VEB Porzellankombinat Colditz. Bis 1988 wächst die Belegschaft auf 550 Beschäftigte, die Produkte gehen in 28 Länder. Ein Exportschlager aus der Provinz Sachsen-Anhalt.
Allerdings gibt es ein Kapitel in der Geschichte dieses Ortes, das man nicht verschweigen darf. 1944/45 existierte in Annaburg ein Außenlager des KZ Buchenwald. Etwa 100 Häftlinge wurden hierher gebracht, um in den Fabrikhallen Teile für die V1- und V2-Raketen zu produzieren. Zwölf-Stunden-Schichten, jeden Tag sechseinhalb Kilometer Fußmarsch zum Lager und zurück. Dass in diesen Hallen, durch die ich gerade mit meiner Kamera laufe, Menschen unter solchen Bedingungen arbeiten mussten, lässt mich kurz innehalten. Der Staub auf den Maschinen wirkt danach ein bisschen schwerer.
Das Porzellanwerk Annaburg
Dies ist Teil 2 der Serie. Lies auch Teil 1: Die Produktion und Teil 3: Der Verfall.
Mein Bildband über Lost Places
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