Manche Orte sterben nicht mit einem Knall. Sie sterben leise, Schicht für Schicht, Putz für Putz. Das Porzellanwerk Annaburg ist so ein Ort. Einer, der sich langsam auflöst und dabei auf eine komische Art fotogen wird. Verfall kann richtig gut aussehen, wenn man genau hinschaut.
Der dritte und letzte Gang durch dieses Werk führt dorthin, wo nichts mehr funktioniert. Wo die Maschinen schweigen, die Wände weich werden und die Natur Zentimeter um Zentimeter zurücknimmt, was ihr genommen wurde. Es ist April, der Himmel hängt grau über Sachsen-Anhalt, und ich bin allein hier. Genau richtig.
Das Porzellanwerk Annaburg, Teil 3: Der Verfall
Ich stehe in einer Halle, die nichts mehr hält. Licht fällt durch eine Fensterreihe und legt sich in langen Streifen auf den Boden. Kein warmes Licht, eher das fahle Grau eines Tages, der sich nicht entscheiden kann. Die Stille hier ist anders als in den Produktionsräumen. Dort war sie respektvoll, fast museumshaft. Hier ist sie wahnsinnig. Die Halle atmet aus und kommt nicht mehr zurück.
In einem Nebenraum steht ein einzelner Stuhl auf Schutt. Dahinter nackter Beton, davor das, was mal ein Boden war. Ich fotografiere ihn und frage mich, wer hier zuletzt gesessen hat. Pause gemacht hat, Kaffee getrunken, auf die Uhr geschaut. Jemand, der nicht wusste, dass es das letzte Mal sein würde. Neben dem Stuhl verlaufen blaue Rohre an der Wand entlang, Versorgungsleitungen, die nichts mehr versorgen. Die Farbe blättert, aber das Blau leuchtet noch, als wollte es allen zeigen, dass hier mal was war.
Ich gehe weiter, durch Flure, in denen der Putz in ganzen Platten von den Wänden fällt. Eine Steckdose hängt schief an einer Wand, die mehr Lücke als Substanz ist. Daneben breitet sich grüner Schimmel aus, fast schon dekorativ, wenn es nicht so eklig wäre, großflächig, fast samtartig, eine ganze Hallenwand überzogen. Es riecht feucht, modrig, nach kaltem Stein und etwas Organischem, das ich nicht benennen kann.
Im ehemaligen Labor stehe ich vor einem Regal, das noch bestückt ist. Becher, Utensilien, alles ordentlich aufgereiht auf einem Metallgestell, als hätte jemand gesagt: Montag geht’s weiter. Die Fliesen an den Wänden sind noch intakt, ein letzter Rest von Hygiene in einem Raum, der längst aufgegeben wurde. Daneben steht eine türkisfarbene Dose mit der Aufschrift “Manganous Nitrate”, Laborchemie, wie sie damals Standard war. Ein paar Schritte weiter finde ich eine Flasche mit DDR-Etikett. “MAGMA LDR” steht darauf, Totenkopf-Symbol, unmissverständlich. Gift. Es steht einfach da, als hätte es alle Umbrüche überlebt und wartet jetzt auf niemanden mehr.
Eine Flasche auf einer Fensterbank. Dahinter, verschwommen durch das trübe Glas, das Fabrikgebäude. Dieses Bild bleibt hängen. Es fasst zusammen, was Worte nur umkreisen können: den Blick durch trübes Glas auf ein Gebäude, das eigentlich direkt nebenan steht und trotzdem wahnsinnig weit weg wirkt. In einem anderen Raum steht eine blaue Glasur-Wanne, darauf ein Erste-Hilfe-Kasten und ein altes Handtuch. Als wäre der letzte Arbeitstag gestern gewesen und gleichzeitig vor hundert Jahren.
Das Ende und ein neuer Anfang
Nach der Wende versuchte man zu retten, was zu retten war. Die Treuhand hatte das Werk zum 31. Dezember 1991 zur Schließung vorgesehen. Dann kam die CERAPLAN GmbH aus Bayern, Familie Ploss übernahm, und 80 Mitarbeiter durften bleiben, von einst hunderten. Der einzige Geschirrporzellanproduzent in Sachsen-Anhalt. Sie entwickelten sogar noch CORDOFLAM, einen feuerfesten Werkstoff, der Temperaturschocks von über 400 Grad aushielt. Innovation am Rand des Abgrunds.
Im Mai 2015 kam dann der Insolvenzantrag. 70 Menschen verloren ihre Arbeit. Hohe Energiekosten, Konkurrenz aus dem Ausland. Am 30. Juni 2023 wurden die drei Schornsteine gesprengt. Die Wahrzeichen verschwanden in einer Staubwolke. Was Generationen als Orientierungspunkt am Horizont kannten, war in Sekunden weg.
Heute gibt es Pläne. “ARBEITEN-WOHNEN-LEBEN” heißt das Konzept, Aquaponik ist im Gespräch, Baubeginn soll 2026 sein. Seit Februar 2025 öffnet go2know das Gelände für Fototouren. So bin ich hier, mit der Kamera in der Hand und dem Gefühl, einen Ort zu dokumentieren, der sich gerade entscheidet, ob er Geschichte wird oder Zukunft bekommt.
Ich packe die Kamera ein und gehe. Draußen ist es still.
Das Porzellanwerk Annaburg
Dies ist Teil 3 der Serie. Lies auch Teil 1: Die Produktion und Teil 2: Die Menschen.
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