In Südbrandenburg steht ein Wasserschloss, das eigentlich längst hätte zerfallen müssen. Seit 1998 steht es leer, aber die Kronleuchter hängen noch, die Parkettböden knarzen unter den Füßen und die Stuckdecken sehen aus, als hätte jemand gestern noch abgestaubt. Das Schloss der 1000 Eichen ist einer der am besten erhaltenen Lost Places, die ich je betreten habe.
An diesem bewölkten Aprilmorgen liegt das weiße Schloss hinter seinem Wassergraben wie eine Postkarte, die jemand vergessen hat abzuschicken. Ab und zu schiebt sich die Sonne durch die Wolken und lässt den grünen Graben kurz aufleuchten.
Das Schloss der 1000 Eichen
Von außen wirkt das neobarocke Wasserschloss fast ein bisschen zu hübsch für einen Lost Place. Der abblätternde Putz am Turm mit der alten Uhr verrät, dass hier seit Jahren niemand mehr wohnt, aber die Grundsubstanz steht wie eine Eins. Über die Brücke geht es rein, und schon in der Eingangshalle bleibe ich stehen. Ein blau-weißer Schachbrettboden zieht sich durch den Raum, darüber spannt sich ein Kreuzgratgewölbe, und eine gelbe Glastür wirft warmes Licht zwischen die Säulen. Ich stehe hier einfach ein paar Minuten und drücke ab.
Was mich an diesem Ort wahnsinnig macht, im positiven Sinne, ist der Zustand. Ich bin ja ein paar verlassene Orte gewohnt, bei denen alles kaputt, vollgesprüht und durchwühlt ist. Hier nicht. In den Prunkräumen hängen noch die originalen Kronleuchter an ihren Ketten. Stuckdecken mit feinen Rosetten, Rundbogenfenster, durch die das Licht auf die Parkettböden fällt. An den Wänden Kassettenvertäfelungen, die zwar ein paar Kratzer haben, aber im Kern völlig intakt sind. Ich laufe durch leere Räume mit offenen weißen Kassettentüren, gelben Wänden und dem typischen Geruch von altem Holz und feuchtem Putz.
Natürlich gibt es Stellen, an denen die Zeit zugeschlagen hat. An einer Decke klafft ein Loch direkt neben dem Kronleuchter. Man sieht die Balken darunter, daneben hängt ein roter Vorhang. An einem Fenster flattern Absperrbänder im Durchzug. Aber das sind Ausnahmen. Im Spiegelsaal nutze ich die Gelegenheit und fotografiere mich selbst im großen Wandspiegel. Kronleuchter im Rücken, Parkettboden unter den Füßen. Muss sein.
Die Details machen diesen Ort aus. Am Fuß einer Treppensäule liegen ein paar Murmeln auf dem Fenstersims. Hat die jemand vergessen, als hier noch Kinder durchs Haus gerannt sind? An einer gelben Wand laufen rostige Rohre entlang, daneben ein Feuerlöscher-Schild neben Absperrband an der Treppe. An einer weißen Kassettentür hängt noch ein altes “Ausgang”-Schild. Und dann finde ich ihn, den Sticker des Tages: “Leinöl und Quark macht die Lausitzer stark”, auf gelb, an einer abblätternden Wand. Ich muss lachen. Passt einfach.
In einem der hinteren Räume ist es fast komplett dunkel. Nur das Fenster zeichnet sich als Silhouette ab. Kein Licht, kein Geräusch. Nur meine Schritte auf dem Parkett und das leise Knarzen der alten Dielen. So soll das sein.
Die Geschichte des Schlosses
Die Geschichte reicht weit zurück. Um 1200 stand hier eine Turmhügelburg, eine sogenannte Motte, als Grenzfestung an der Pulsnitz. 1567 erwarb die Familie von Minckwitz den Besitz und ließ ihn 1584 zum Renaissanceschloss umbauen. Der Treppenturm kam 1609 dazu. Den Namen “Schloss der 1000 Eichen” verdankt der Ort einer gewissen Johanna Eleonore von Lüttichau, die 1717 einen Eichenreitweg entlang der Pulsnitz anlegen ließ. Eichen links, Eichen rechts, und der Name blieb hängen.
1744 kaufte Heinrich Graf von Brühl das Gut, seines Zeichens sächsischer Premierminister. Lang konnte er sich allerdings nicht dran freuen, 1758 beschädigten preußische Truppen das Schloss im Siebenjährigen Krieg. 1833 übernahm Graf Rochus Ernst zu Lynar. In den 1920er Jahren wurde das Schloss dann ordentlich erweitert: Neobarocke Seitenflügel kamen dazu, es entstand die Dreiflügelanlage mit Ehrenhof, die man heute noch sieht.
Nach 1945 folgte die Enteignung durch die Bodenreform. Von 1953 bis 1998 diente das Schloss als Kinderheim “Paul Paulick”, das erklärt wohl auch die Murmeln auf dem Fenstersims. 1998 wurde das Heim geschlossen, seitdem steht alles leer. Dass trotzdem noch so viel erhalten ist. Fliesen, Kamine, Parkettböden, Stuckdecken, der Spiegelsaal, die Kronleuchter, ist fast ein kleines Wunder. 2024 hat eine Familie aus Berlin das Schloss gekauft. Sie planen Hochzeiten, Kulturveranstaltungen und Tagungen. Man kann nur hoffen, dass sie das durchziehen.
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