Warum ist auf dem einen Foto nur das Auge gestochen scharf und der Rest weich, während auf dem anderen von vorne bis hinten alles knackig ist? Die Antwort heißt Schärfentiefe, und sie ist eines der wichtigsten Gestaltungsmittel, die du hast. Wenn du verstehst, was sie steuert, entscheidest du selbst, worauf der Blick fällt.
Bevor wir loslegen, ein kurzer Gedanke: In der Fotografie geht es weniger um technische Schärfe als um den Schärfeeindruck. Unser Auge nimmt einen Bereich als scharf wahr, wenn er klare Kanten und Linien zeigt, auch wenn er streng physikalisch schon nicht mehr perfekt scharf ist. Genau dieser Bereich ist die Schärfentiefe.
Schärfentiefe oder Tiefenschärfe?
Beide Begriffe hört man ständig, und beide meinen dasselbe. Korrekt ist allerdings nur einer davon: die Schärfentiefe. Im Englischen heißt sie Depth of field, und das ist eine gute Merkhilfe. Es geht um die Tiefenausdehnung der Schärfe, also um die Tiefe des scharf erscheinenden Raumes.
Wenn dir das nicht auf Anhieb einleuchtet, stell dir vor, du stehst an der Käsetheke und bestellst ein Stück Gouda. Die Verkäuferin fragt, wie dick die Scheiben sein sollen. Du sprichst dann von der Scheibendicke, nicht von der Dickenscheibe. Genauso ist es bei der Schärfentiefe: Das Grundwort steht hinten, das Bestimmungswort vorne.
Was die Schärfentiefe beeinflusst
In jedem optischen System kann immer nur genau eine Ebene wirklich scharf abgebildet werden, die Schärfeebene. Alles davor und dahinter wird nach und nach unscharf. Wie groß der noch scharf wirkende Bereich ist, hängt vor allem von drei Dingen ab.
Die Blende: Je weiter die Blende geöffnet ist (kleine Blendenzahl wie f/1.8), desto geringer ist die Schärfentiefe. Je weiter du abblendest (große Blendenzahl wie f/11), desto größer wird der scharfe Bereich. Die Blende ist dein direktester Regler für die Schärfentiefe.
Der Abstand zum Motiv: Je näher du an deinem Motiv bist, desto geringer wird die Schärfentiefe. Denk an die Makrofotografie, dort ist der scharfe Bereich oft nur wenige Millimeter tief.
Die Brennweite: Je länger die Brennweite, desto geringer wirkt die Schärfentiefe. Ein Teleobjektiv stellt dein Motiv also stärker frei als ein Weitwinkel. Abstand und Brennweite ergeben zusammen den sogenannten Abbildungsmaßstab, und der ist die zweite große Stellschraube neben der Blende.
Keine Produkte gefunden.
Schärfentiefe als Gestaltungsmittel
Jetzt kommt der spannende Teil. Eine geringe Schärfentiefe setzt dein Motiv so stark vom Hintergrund ab, dass es fast freigestellt wirkt. Das lenkt den Blick genau dorthin, wo du ihn haben willst, und ein unruhiger Hintergrund kann nicht mehr ablenken. Bei Portraits ist das der Klassiker: scharfe Augen, weicher Hintergrund.
Umgekehrt willst du bei einer Landschaft meistens das Gegenteil. Hier blendest du weiter ab, damit vom Grashalm im Vordergrund bis zum Berg am Horizont alles scharf ist. Schärfentiefe ist also kein Selbstzweck, sondern eine bewusste Entscheidung, die zur Bildidee passen sollte.
Die Grenze: Beugungsunschärfe
Jetzt könntest du denken: einfach maximal abblenden, dann ist alles scharf. Leider macht die Physik einen Strich durch die Rechnung. Je kleiner die Blendenöffnung wird, desto stärker wird das Licht an den Rändern der Öffnung gebeugt. Diese Beugung erzeugt wieder Unschärfe, die sogenannte Beugungsunschärfe. Ab einer bestimmten Blende gewinnst du also keine Schärfe mehr dazu, sondern verlierst sie sogar wieder.
Ab wann das passiert, hängt von deiner Kamera und dem Objektiv ab, bei kleineren Sensoren tritt es früher auf als beim Vollformat. Der einfachste Weg, deinen persönlichen Grenzwert zu finden: Stell die Kamera aufs Stativ und fotografier dasselbe Motiv einmal durch alle Blendenstufen. Zu Hause siehst du dann genau, ab wann es wieder weicher wird. Meistens liegt der beste Kompromiss ein, zwei Stufen abgeblendet von der Offenblende.
Was du aus diesem Post mitnimmst
| Schärfentiefe ist der richtige Begriff | Tiefenschärfe meint dasselbe, ist aber sprachlich falsch. |
| Drei Stellschrauben | Blende, Abstand zum Motiv und Brennweite bestimmen den scharfen Bereich. |
| Offene Blende stellt frei | Geringe Schärfentiefe für Portraits, viel Schärfentiefe für Landschaften. |
| Nicht zu weit abblenden | Ab einer bestimmten Blende sorgt Beugungsunschärfe wieder für Unschärfe. |
Mit diesem Wissen hast du die Schärfe im Bild bewusst in der Hand. Im nächsten Beitrag kümmern wir uns um die andere große Schärfe-Baustelle: wie du zuverlässig verhinderst, dass deine Bilder verwackeln.
Mehr aus der Serie „Fotografieren lernen”
Vorheriger Beitrag: Computational Photography: Wie dein Smartphone bessere Fotos rechnet
Nächster Beitrag: Scharfe Fotos ohne Verwackeln: Die wichtigsten Regeln
Auch interessant: Brennweite erklärt: Was 24mm, 50mm und 200mm wirklich machen
Keine Kommentare