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Die Geschichte meines Opas – Das Kriegsende 1945

Beim Räumen meines Elternhauses fand ich eine Geschichte, die mein Opa 1999 aufgeschrieben hat. Ich nahm das Heft in die Hand und blätterte es durch. Er hat seine Erlebnisse der letzten Tagen als Soldat nach dem zweiten Weltkrieg aufgeschrieben. Sicher hätte er sich darüber gefreut, hätte er seine Geschichte mit mehr Menschen teilen können. Deshalb habe ich sie erneut aufgeschrieben.

Ich habe ein paar Namen und Adressen entfernt und die Gesichter auf den Bildern unkenntlich gemacht. Das Titelbild zeigt das Eisenwerk Weserhütte in Bad Oeynhausen wenige Tage nach dem Luftangriff am 30. März 1945 (Karfreitag).

Hier ist seine Geschichte:

Nach 53 Jahren besuchten mein Kriegskollege Fritz A. aus Schwanewede und ich am 04. Juli 1998 gemeinsam mit unseren Frauen die Stätte, wo wir 1945 gemeinsam interniert waren. Nach unserer Desertion am 04. Mai 1945 sind wir beide von Solsted bei Todern (Dänemark) unter großer Gefahr nach Kiel marschiert und haben uns zivile Kleidung besorgt. Am 05. Mai liefen wir dann ca. 35 Kilometer von Kiel nach Mühbrook (zwischen Bordesholm und Neumünster).

Auf diesem Wege kamen uns englische amerikanische Panzer entgegen. Wie wir später in Erfahrung bringen konnten, war es ein Wettlauf zwischen den Engländern, Amerikanern und den Russen, die von Mecklenburg kamen. Jeder wollte als erster in Dänemark sein. Zu erwähnen wäre auch noch, dass es für uns 19-Jährige erschütternd war, frische Soldatengräber am Straßenrand zu sehen. Sie waren mit Kreuzen, Stahlhelmen und Blumen geschmückt. Am 06. Mai sind wir dann von Mühbrook bis Weddelbrook gelaufen und legten damit weitere 40 Kilometer zurück. Am 07. Mai kamen beim Marsch von Weddelbrook nach Heist bei Pinneberg noch einmal 35 km hinzu. Am nächsten Tag, setze uns ein Jugendlicher in der Frühe vom Ostufer (Hetlingen) zum Westufer der Elbe (Grünendeich) über. Von dort aus ging es dann wieder zu Fuß weiter nach Hesedorf bei Bremerförde. Wir übernachteten in dieser Zeit bei Landwirten, die uns ihren Heuboden zur Verfügung stellten. Oft brachte man uns Misstrauen entgegen. Erst später, wenn wir den Landwirten von unserem Vorhaben erzählten, schnellstmöglich in unsere Heimat zurückkehren zu wollen, um endlich unsere Angehörigen wiederzusehen, gewannen wir ihr Vertrauen und erhielten sogar reichen Brot und Milch.

Der 08. Mai stand für uns beiden unter keinem günstigen Stern. In Hesedorf mussten wir eine Brücke über die Oste überqueren. Dort standen zwei englische Soldaten Wache. Nach Rücksprache mit der Zivilbevölkerung, die uns versicherten, es wäre noch niemand angehalten worden, tappten wir dann doch in die Falle.

Als wir uns den beiden Soldaten näherten, erklangt folgendes: „Koom an!“. Nach einigen Verständigungsschwierigkeiten wurde ein Dolmetscher hinzugezogen. Wir wurden gefragt, wo wir wegkämen, haben wir frech gelogen. Wir sagten, wir wären auf der Holwaldts-Werft in Kiel dienstverpflichtet gewesen. Diese Ausrede nahm man uns nicht ab. Nach mehrmaligem Fragen, bei welcher Einheit wir gedient hätten, übergaben wir unsere Soldbücher, die wir bis dahin in unseren Strümpfen versteckt hatten. Anschließend brachte man uns zu einer in der nähe befindlichen Wassermühle.

Hier befanden sich schon etliche ehemalige Soldaten des Heeres und der Luftwaffe, die auch aufgegriffen worden waren. Wir beide waren allerdings die einzigen in Zivilkleidung. Am Abend wurden wir gegen 20 Uhr mit LKW nach Wesermünde-Schiffdorf in eine Kaserne gebracht, wo wir uns dann auch wieder eine Wehrmachtsuniform besorgten. Vom 11.-16. Mai wurden wir in die Kasernen der Marine-Lehr-Anstalt Wesermünde verlegt und in der Kompanien eingeteilt. Jede Kompanie erhielt wieder einen Spieß (Oberfeldwebel). Da man uns nach Kriegsende aufgegriffen hatte, wurden wir wie Internierte und nicht wie Kriegsgefangene behandelt.

Einen Tag darauf ging es, bei herrlichem Wetter, um 07:00 Uhr früh für die drei Kompanien nach Bederkesa. Wir übernachteten im Wald. Hier baute ich für uns beide ein Zelt aus Reisig. Um nicht zu sehr zu frieren, bedeckten wir uns mit reichlich Laub. Das alles kannte ich noch aus meiner Schulzeit. Bei Klassenausflügen fanden wir solche Unterkünfte im Wiehengebirge. er in der freien Natur lebende „eiserne Gustav“ hatte mehrere solcher Schlafstellen. Nach der Nacht im Wald ging unser Marsch weiter nach Lamstedt, wo wieder in freier Natur übernachtet wurde. Darauf folgte unser letzter Marschtag. Wir liefen bis Achthöfen im Land Kehdingen. Wie der Name des Ortes schon sagt, bestand er aus acht größeren Höfen. Unsere Kompanie wurde auf den Hof der Familie R. verlegt. Wir kamen auf dem Boden der Strohscheune unter. Die Familie R. bestand aus vier Geschwistern, allesamt nicht verheiratet und sie betrieben eine Pferdezucht.

Hof
Dieses Bild zeigt den Scheuneneingang des damaligen Hofes. Auf dem Bild sind die beiden heutigen Besitzer im Gespräch mit Fritz A. zu sehen. Die Außenanlagen haben sich im Laufe der vergangenen 53 Jahre stark verändert.

Mein Kamerad Fritz A. und ich waren die einzigen der gesamten Kompanie, die bei der U-Boot Marine gedient hatten. Alle anderen waren beim Heer, oder der Luftwaffe gewesen. Diese Tatsache ist erwähnenswert, da sich alle Marine Angehörigen im Juni 1945 melden mussten, um anschließend Minen in der Nordsee zu räumen. Ein Himmelfahrtskommando. Wir beide haben uns nicht gemeldet und niemand hat es bemerkt.

Ende Mai wurde eine Feldküche auf dem Hof errichtet. Bis dahin bekamen wir morgens, mittags und abends Biskuit und Cornedbeef. Wir mussten keinen Hunger leiden, allerdings können wir beide dieses „Spezialitäten“ bis heute nicht mehr sehen, geschweige denn essen. Da wir, wie bereits erwähnt, Internierte waren, brauchten wir nicht zu arbeiten. Jeden Morgen gab es einen Appell und der Spieß kontrollierte die Anwesenheit der Soldaten. Ab dem 20. Mai gammelten wir Tag für Tag vor uns hin und warteten auf unsere Mahlzeiten. Die einzige Abwechslung war die Einteilung zum Küchendienst, oder zur Nachtwache. Engländer haben wir in dieser Zeit sehr selten gesehen. Alle zwei bis drei Tage fuhr ein Jeep zur Kontrolle von Hof zu Hof.

Scheune
Dieses Bild zeigt die Scheune, in der wir untergebracht waren. Eine Stiege, die heute noch vorhanden ist, führt auf den Strohboden. Hier haben wir bis zu unserer Entlassung geschlafen.

Ab Ende Juni durfte ich im Nachbarort Cranenweide auf einem kleinbäuerlichen Hof mit zwei Kühen arbeiten gehen. Nach dem morgendlichen Appell trat ich dort gegen 09:00 Uhr meinen Dienst an und musste mich danach pünktlich um 18:00 Uhr auf einer, in einem Zelt eingerichteten, Schreibstube zurückmelden. Bei relativ leichter Arbeit auf dem Hof hatte ich den Vorteil, dass ich mittags bei der Familie des Hofes essen durfte. Jeden Abend bekam ich dort um 17:30 Uhr mein Leibgericht: Eine große Pfanne Bratkartoffeln. Meine Arbeit bestand aus Holz hacken, Heu verarbeiten und die Stellen der Wiese zu mähen, die nicht von den Kühen kurzgehalten wurde.

Die Geschichte meines Opas - Ein Bild des Hofen
Dieses Bild zeigt das Haus des damaligen Hofes, auf dem ich mir meine Bratkartoffel verdient hatte. Ich hätte es ohne die Hilfe der heutigen Besitzerin nicht wiedererkannt. Der Viehstall und das Vorratshaus für Stroh und Heu sind nicht mehr vorhanden und die Fachwerke verklinkert. Die Einfahrt wurde verlegt.

In der Zwischenzeit hatten sich in unserer Unterkunft auf dem Hof neue Mitbewohner eingenistet – Nämlich Läuse. Ich war sofort davon befallen. Mein Kamerad Fritz nicht und das, obwohl wir unter einer Decke schlafen mussten. Da es kein Entlausungspulver gab, konnte man diese Parasiten nur durch mehrstündiges Kochen der Kleidung wieder loswerden.

Im Juli 1945 begannen dann die ersten Entlassungen. Zunächst die Landwirte und Bergleute. Auch die in der ehemaligen Enklave Bremen und Bremerhaven ansässigen wurden entlassen. Diese standen unter amerikanischer Besatzung. Dazu gehörte am 27. Juli auch mein Kriegskamerad Fritz A. Es wurde vom Lager Oese entlassen. Alle in Achthöfen liegenden Kompanien waren zu einem Bataillon zusammengefasst. Ein Batallionsmelder brachte täglich mit dem Fahrrad die Namen der zu Entlassenden Soldaten zu den einzelnen Kompanien. Dieser Melder machte auf mich irgendwie einen bekannten Eindruck. Nachdem ich ihn angesprochen hatte, entpuppte er sich als ein ehemaliger Angehöriger des Eisenwerks Weserhütte in Bad Oeynhausen. Er war dort im Einkauf als Kaufmann tätig gewesen. Im Laufe unseres Gesprächs erzählte er mir von seiner bevorstehenden Entlassung als Landwirt.

Fleet
Dieses Bild zeigt den Fleet, an dem wir uns morgens und abends gewaschen und die Zähne geputzt haben. Von uns wurde damals ein kleiner Steg hinein gebaut. Rechts der Straße lag ein weiterer Hof. Die Straße im Hintergrund führt nach Kragenweide.

Die als nächsten anstehenden Entlassungen waren die Holzfäller. Am 04. August 1945 wurde ich informiert, dass ich mich am nächsten Tag zur Entlassung bereithalten möge. Ich wurde in das Entlassungslager Hesedorf bei Bremervörde gefahren. Zufällig war dies genau der Ort, an dem man uns am 08. Mai aufgegriffen hatte. Nach einer gründlichen Entlausung wurden wir frühmorgens nach Künsebeck gebracht und ich erhielt meinen Entlassungsschein. In diesem stand sonderbarerweise der Beruf des Maschinenschlossers. In Künsebeck traf ich vier bekannte Dehmer wieder. Ein paar Tage später wurden wir am 10. August 1945 nach Bad Oeynhausen gefahren.

Die Freude meiner Eltern bei meiner Ankunft waren groß. Sie hatten seit April 1945 kein Lebenszeichen mehr von mir erhalten. Fritz A. und ich haben uns nie wieder aus den Augen verloren. Fast jährlich treffen wir uns abwechselnd, mit unseren Frauen natürlich, in Schwanewede, oder in Bad Oeynhausen, Dehme.

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